Bach 2008
Rathaus Vaterstetten, Sonntag, 15. Juni 2008 – 19 Uhr
JOHANN SEBASTIAN BACH
„Der höfische Bach“
3 Weltliche Kantaten
“Entfliehet, verschwindet, entweichet, ihr Sorgen” BWV 249a
“Auf, schmetternde Töne der muntern Trompeten“ BWV 207a
“Schleicht, spielende Wellen” BWV 206
Susanne von Sicherer – Sopran
Sigrid Horvath – Alt
Karl Jerolitsch – Tenor
Thomas Hamberger – Bariton
Robert Schröter - Cembalo
Neue Chorgemeinschaft Vaterstetten
Barockensemble „Sans-Souci“
auf historischen Instrumenten a = 415’ (Valotti)
Leitung: Konstantin Köppelmann

Johann Sebastian Bach hatte einzig während seiner Anstellung als Kapellmeister am Hof des Fürsten von Anhalt-Köthen (1717 - 1723) für verschiedenste festliche Begebenheiten Festmusiken bereitzustellen und aufzuführen. Der Grund dafür war die im 18. Jahrhundert verbreitete Vorliebe, besondere Ereignisse auch mit entsprechend besonderer Musik zu würdigen. Spätestens seit Bachs Übersiedelung nach Leipzig jedoch gehörte die Komposition und Aufführung dererlei Glückwunschkantaten oder „Gratulationsmusiken“ eigentlich nicht mehr zu seinen Pflichten. Trotzdem hat Bach seit Beginn seiner beruflichen Verpflichtung in Leipzig eine ganze Reihe derartiger Werke geschaffen, von denen heute allerdings ein beträchtlicher Teil leider verloren ist, oder zumindest nur in der späteren Umarbeitung zu Kirchenkantaten erhalten blieb. Der singuläre Anlass für die Komposition der Musik zu einem entsprechend singulär verwendbaren Text widersprach in den meisten Fällen einer weiteren Verwendung des Werkes.
Alle drei zur Aufführung gelangenden Werke entstanden als einmalig konzipierte „Gatulationsmusiken“ für Fürstenhäuser. BWV 249a) für den Herzog von Sachsen-Weißenfels und BWV 207a) und 206 für das kurfürstlich sächsische Haus – in Personalunion regierende Könige von Polen. Im Gegensatz zu vielen anderen weltlichen Kantaten Bachs, deren Musik sich durch ihre Wiederverwendung in kirchlichem Rahmen heute allgemeiner Beliebtheit und großer Bekanntheit erfreut, wurden BWV 207a) und BWV 206 niemals für eine Aufführung in kirchlichem Rahmen adaptiert; lediglich die Musik von BWV 249a) findet sich verändert, mit neuem Text und mit vollständig neu komponierten Rezitativen in Bachs „Osteroratorium“ wieder – einem Werk, das musikalisch heute ein Schattendasein neben dem Weihnachtsoratorium und den großen Passionen fristet.
Aufführungsmöglichkeiten für diese drei Werke bieten sich heute also außer in konzertantem Rahmen nicht mehr, was um so bedauerlicher ist, weil es sich um außergewöhnlich qualitätvolle Musik Bachs handelt, die mit ihrem musikalischen Anspruch weit über dem liegt, was uns teilweise in den für Bachs eigene Chöre komponierten Kirchenkantaten begegnet. Die sehr große und festliche Besetzung des Orchesters mit 3 Trompeten, Pauken, Flöten, Oboen und Fagott neben den üblichen Streichern liegt wohl mit darin begründet, dass Bach hier nicht auf seine oft sehr beschränkten kirchlichen Kräfte zurückgreifen musste, sondern die Musiker der Hofkapelle in Weißenfels zur Verfügung hatte, bzw. auf das von Telemann gegründete und von Bach 1729 übernommene studentische „Collegium musicum“ in Leipzig zurückgreifen konnte.
Anlass für die Komposition der Kantate BWV 249a) „Entfliehet, verschwindet, entweichet, ihr Sorgen“ – auch „Schäferkantate“ genannt – war vermutlich der Namenstag des Herzogs Christian von Sachsen-Weißenfels am 23. Februar 1725. Als hervorstechendes Merkmal der Kantate fällt sogleich die ungewöhnlich umfangreiche zweisätzige Sinfonia auf, die zusammen mit dem folgenden Eingangschor an die Umarbeitung eines dreisätzigen Instrumentalkonzertes denken lässt. Da von der Kantate allerdings nur das Textbuch und die „wiederverwendete Musik“ im Osteroratorium BWV 249 erhalten ist, bleibt es ungewiss, ob diese eigentlich eher zum Ostergeschehen als zum Schäferidyll passende Sinfonia in der Urform der Kantate überhaupt schon vorhanden gewesen ist. Wie in fast allen weltlichen Kantaten Bachs steht die primitive „Handlung“ und der Anspruch des vertonten Textes in krassem Missverhältnis zur herausragenden Qualität der Musik – ein Phänomen, was uns auch in vielen barocken Opern begegnet und von Musikliebhabern damals wie heute gnädig übersehen wurde und wird. Für den Eingangschor wird die aus dem Osteroratorium überlieferte vierstimmige Fassung für Chor übernommen – im Gegensatz zu der ursprünglichen und im Mittelteil noch erhaltenen Fassung als solistisches Duett. Weiterhin wurden die nicht erhaltenen Seccorezitative ergänzt, da Bach diese für die Umarbeitung der Kantate zum Osteroratorium aufgrund des neuen Textes neu komponieren musste.
Die Kantate BWV 207a) „Auf schmetternde Töne der muntern Trompeten“ wurde erstmalig zum Namenstag des sächsischen Kurfürsten und polnischen Königs Friedrich August II. (als polnischer König August III.) am 3. August 1735 oder im Jahr darauf aufgeführt. Die Mehrzahl ihrer Sätze stammt aus der 1726 komponierten Kantate BWV 207 „Vereinigte Zwietracht der wechselnden Saiten“ mit der Dr. Kortte, ein unter den Studenten äußerst beliebter Professor der Leipziger Universität, geehrt werden sollte. Für BWV 207a) mussten wegen des neuen Textes die Secco-Recitative von Bach neu komponiert werden und die vorhandenen Arien und Ensembles wurden geringfügig geändert bzw. uminstrumentiert. Der Eingangschor der Kantate stellt ein Paradebeispiel für Bachs Technik dar, ein vorhandenes Instrumentalkonzert durch den Einbau von Gesangsstimmen in einen Chor zu verwandeln. Im vorliegenden Falle wurde der dritte Satz des ersten Brandenburgischen Konzertes von F-Dur nach D-Dur transponiert, die beiden Hornstimmen wichen Trompeten und Pauken, zu den 3 Oboen kamen noch 2 Flöten hinzu und die konzertante Partie des Violino piccolo im Original diente als thematische Quelle für die Partien der 4 neukomponierten Singstimmen. Wegen des vorgegebenen Textes veränderte Bach außerdem das Eingangsthema des Konzertsatzes zu auftaktiger Metrik und ergänzte folglich auch in allen Instrumentalstimmen das bei der Vorlage nicht vorhandene auftaktige Achtel. Die erstaunliche Bruchlosigkeit und absolute Selbstverständlichkeit des auf diese Weise neu entstandenen Chores offenbart Bachs reife Meisterschaft nicht nur in dieser Bearbeitungstechnik.
Die Komposition und Aufführung der Kantate BWV 206 „Schleicht spielende Wellen“ war ursprünglich für den Geburtstag des sächsischen Kurfürsten und polnischen Königs am 7. Oktober 1734 geplant gewesen, wurde dann aber zurückgestellt, als bekannt wurde, dass der Kurfürst mit seiner Gattin wenige Tage vor seinem Geburtstag, vom 2. bis 6. Oktober persönlich in Leipzig anwesend sein würde. Die für dieses Ereignis vorgesehene Kantate BWV 206 wurde in aller Eile durch ein neues Werk ersetzt, zu dessen Komposition Bach noch genau drei Tage blieben. Über den Ablauf der Veranstaltung am 5. Oktober 1734 gibt der Leipziger Stadtchronist Salomon Riemer ein anschauliches Bild:
Gegen 9 Uhr Abedns brachten Ihro Majest. die allhiesigen Studenten eine allerunterthänigste Abendmusik mit Trompeten und Pauken, so Hr. Capell Meister Joh. Sebastian Bach, Cantor zu St. Thomae componieret. Wobey 600 Studenten lauter Wachs Fäckeln trugen und 4 Grafen als Marschälle die Music aufführeten. Der Zug geschahe aus dem schwartzen Bret durch die Ritterstraße (…) bis an des Königs Logis, als die Musik an der Wage angelanget, giengen auf derselben Trompeten und Pauken, wie den auch solches vom Rath Hause, durch ein Chor geschahe. Bey der Übergabe des Carmens wurden die 4 Grafen zum Handkusse gelassen, nachegehnds sind Ihro Königl. Majestät, nebst Dero Königl. Frau Gemalin u. Königl. Prinzen, so lange die Music gedauret, nicht vom Fenster weg gegangen, sondern haben solche gnädigst angehöret, und Ihr. Majestät herzlich wohlgefallen.
Am Tag nach der Aufführung erlag Bachs erster Trompeter, der Stadtpfeifer Gottfried Reiche, einem Schlaganfall – ob dieser berühmte und immer wieder gern zitierte Vorfall tatsächlich auf die Strapazen des Spielens der sehr anspruchsvollen Trompetenpartie bei der „Königlichen Musique“ zurückzuführen ist, sei dahingestellt… Erst zwei Jahre später wurde das zurückgestellte Werk BWV 206 vollendet und vermutlich dann am 7. Oktober 1736 aufgeführt. Eine weitere Aufführung fand mit relativer Wahrscheinlichkeit um 1740 herum zum Namenstag der Königs mit geringfügigen Textänderungen statt. (K.K.)