Haydn 2007
Maria Königin, Baldham Sonntag, 18. November 2007 – 19 Uhr
JOSEPH HAYDN
„Stabat mater“ g-moll (1767)
„Missa in honorem beatissimae Virginis Mariae" Es-Dur (1769) "Große Orgelsolomesse“
Alice Oskera-Burghardt – Sopran
Nicholas Hariades – Altus
Andrew Lepri Meyer – Tenor
Thomas Ruf – Bariton
Christoph Hauser – Orgelpositiv
Neue Chorgemeinschaft Vaterstetten
Barockensemble SANS-SOUCI
auf historischen Instrumenten a= 415’ (Valotti)
Leitung: Konstantin Köppelmann
Am 3. März des Jahres 1766 starb Gregor Werner, erster Kapellmeister des Fürsten Esterházy in Eisenstadt, und Joseph Haydn, der bisher als untergeordneter 2. Kapellmeister fungiert hatte wurde vom Fürsten als Werners Nachfolger benannt. Das Aufrücken in diese verantwortungsvolle Position, die Haydn offiziell bis 1790 behielt, war mit einer Fülle von neuen Arbeitsbereichen verbunden – unter anderem auch mit der Komposition und Aufführung von allen geistlichen Werken für den Bedarf des fürstlichen Hofes.
Im Rahmen dieses neuen Betätigungsfeldes komponierte Haydn daraufhin innerhalb weniger Jahre über die Hälfte seiner für den gottesdienstlichen Gebrauch bestimmten Musik - die allerdings im Gegensatz zu den heute allgemein bekannten großen Messen aus Haydns mittlerer und später Schaffensphase leider eher selten aufgeführt wird. Aus dieser fruchtbaren Frühzeit stammen neben dem „Stabat mater“ und der „Großen Orgelsolomesse“ unter anderem auch die drei „Salve Regina“ in g-moll, E-Dur und Es-Dur, ein „Te Deum“, mehrere Offertorien, Motetten, geistliche Arien und eine Litanei.
Abgesehen von Haydns langsamem und sehr stetigem stilistischem Wandel bis hin zu seinem Spätwerk rechnet diese frühe Kompositionsphase allerdings mit gänzlich anderen Aufführungsbedingungen als die großen Messen in Haydns Spätwerk. Haydns kirchliche Werke aus seiner frühen Schaffenszeit sind noch stark dem italienischen Kantatenstil verhaftet und untergliedern die Gesangstexte in einzelne klar voneinander getrennte Abschnitte - ähnlich den „Nummern“ einer Oper. Von den virtuosen Elementen der Oper wie Koloraturen, Kadenzen und Verziehrungen wird in den so entstehenden solistischen Abschnitten gerade im „Stabat mater“ von 1767 reichlich Gebrauch gemacht und läßt diese als Bindeglieder der einzelnen musikalisch sehr ausgefeilten Chöre fungieren, die mit ihrem musikalischen Anspruch deutlich über vielen Routinewerken von Haydns heute vergessenen Zeitgenossen stehen. Ein weiteres tut hierbei auch der virtuose solistische Orgelpart der „Großen Orgelsolomesse“, der das konzertante Element stark in den Vordergrund rückt und vermutlich von Haydn selbst gespielt wurde. Interessanter Weise stammen auch eine Reihe von Orgelkonzerten Haydns aus dieser frühen Schaffenszeit!
Beide Werke des heutigen Abends sind eng mit der Kapelle des Schlosses in Eisenstadt verbunden. Das „Stabat mater“ wurde hier am Karfreitag des Jahres 1767 uraufgeführt und die „Große Orgelsolomesse“ erklang am selben Ort vermutlich 1769 zum ersten Male. Die äußerst beschränkten räumlichen Verhältnisse der Empore - wie auch das teilweise erhaltene Aufführungsmaterial - lassen deutlich erkennen, dass Haydn seine Musik in der Anfangsphase seines kirchenmusikalischen Schaffens mit einem für heutige Begriffe winzigen Klangapparat aufführte, der in fast allen Stimmen solistisch besetzt gewesen ist. Je zwei Sängerinnen und Sänger der fürstlichen Kammermusik sangen – wie damals üblich und durch die erhaltenen Stimmen belegt - den gesamten Part ihrer jeweiligen Stimmlage. An den mit „Tutti“ bezeichneten Stellen fielen die Sänger der „Chormusik“ mit ein. Das „Tutti“ bestand demnach nur aus einem Doppelquartett – also lediglich 8 Sängern! Die Partituren des „Stabat mater“ und der „Großen Orgelsolomesse“ verlangen neben 4 Solisten, 4-stimmigem Chor, Orgel und den üblichen Streichern – in der Messe ohne Viola - 2 Hörner und auch 2 Englischhörner statt den üblichen Oboen. Haydn verwendet diese ungewöhnliche „experimentelle“ Instrumentierung nur noch ein einziges weiteres Mal bei seiner „Der Philosoph“ genannten Symphonie Nr. 22 in Es-Dur, die aus derselben Zeit stammt. Durch den weichen und samtigen Klang der Englischhörner ergeben sich gerade beim „Stabat mater“ sehr dichte und anrührende Klangeffekte, die den Text durch die Musik ungewöhnlich plastisch und eindringlich erscheinen lassen.
Vieles an diesem frühen Werk Haydns verweist durch seine außergewöhnliche Harmonik und Dramatik bereits in eine sehr viel spätere Zeit und läßt neben Haydns enormen Fähigkeiten als Komponist auch dessen innere Betroffenheit bei der musikalischen Umsetzung des Textes erkennen. Das „Crucifixus“ der „Großen Orgelsolomesse“ schafft so auf dieselbe Weise mit seiner weit ausholenden Chromatik und mit denselben beschränkten Mitteln der Entstehungszeit eine direkte emotionale Verbindung zum „Stabat mater“.
(K.K.)