Mendelssohn 2006
Sonntag 21. Oktober 2006 Ev.-Luth. Immanuelkirche / München/Denning
Samstag 28. Oktober 2006 Kath. Pfarrkirche Maria Königin / Baldham
Sonntag 29. Oktober 2006 Stadtpfarrkirche St. Ägidius / Grafing
FELIX MENDELSSOHN BARTHOLDY
„Aus tiefer Not ruf ich zu dir“ Choral-Motette Op. 23 (1830)
„Kyrie“ und „Gloria“ aus der deutschen Liturgie (1846)
„Te Deum“ (1826)
Orgelwerke von Edward Elgar und Luis Vierne
Alice Oškera-Burghardt – Sopran
Lori Liebelt – Alt
Thomas Bémer – Tenor
Ingolf Kumbrink – Bariton
Tobias Skuban – Orgel
Meinhard Holler - Cello
Helge Koller - Baß
Kantorei der Immanuelkirche
Neue Chorgemeinschaft Vaterstetten
Leitung: Konstantin Köppelmann

Zwischen Barock und Romantik
Mendelssohns kirchliche Kompositionen für Chor
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 – 1847) wurde mitten in eine Zeit des größten gesellschaftlichen und künstlerischen Umbruchs hineingeboren. Neben Vorbehalten gegenüber einem Wunderkind, welches mit der frühreifen Leichtigkeit eines Mozart komponierte und sich Zeit seines Lebens kaum Gedanken über materielle Existenzprobleme machen musste, hatte die religiöse Chormusik Mendelssohns zudem auch noch mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass sich einem zum Protestantismus konvertierten Menschen jüdischen Glaubens der Zugang zu christlicher Musik nicht wirklich erschließen könne.
In Klischees wie diesem spiegelt sich neben den antisemitischen Entgleisungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zusätzlich noch eine viel tiefer liegende Problematik: Die klassische Kirchenmusik befand sich um 1800 in einer ihrer schwersten Krisen: Es galt die völlige Entwurzelung und Orientierungslosigkeit zu bewältigen, die unter anderem durch die gewaltigen gesellschaftlichen Umwälzungen in Folge von französischer Revolution und Säkularisation verursacht worden waren, und ihr Selbstverständnis neu zu formulieren.
Mendelssohn gerät mitten hinein in die Auseinandersetzungen dieser stilistischen Umbruchphase zu Beginn der Romantik. Als einer der noch ganz im klassischen Sinn der musikalischen Tradition erzogen worden war, musste er sich neben den Fragen der stilistischen Grundlagen einer zeitgemäßen Tonsprache natürlich auch den Fragen nach Funktion und liturgischer Rolle der Kirchenmusik stellen.
Die stark regressiven Bestrebungen in den beiden christlichen Konfessionen machten dieses Problem nicht unbedingt kleiner. Um sich von der inzwischen überbordenden konzertanten Kirchenmusik bewusst abzugrenzen, galten als absolute Vorbilder nun die A-cappella-Werke der italienischen Hochrenaissance oder die ehrwürdige Tradition des Luther-Chorales – für die leidenschaftliche Tonsprache der frühen Romantik ein fast unüberbrückbarer Widerspruch.
Das über einhundert Werke umfassende und sehr experimentierfreudige Schaffen Mendelssohns im Bereich der geistlichen Chormusik läßt sich grob gesehen in zwei Gruppen unterteilen: Die erste umfasst dabei jene Werke, die überwiegend als Kompositionen für die Berliner Singakademie entstanden sind, deren Leiter Carl Friedrich Zelter, Mendelssohns Lehrer, gewesen ist. Die unbekümmerte Adaption der unterschiedlichsten Musikstile dokumentiert hier die intensive Bemühung Mendelssohns auf dem Wege der musikalischen Selbstfindung. Auch das 1826 entstandene doppelchörige und auf lateinisch komponierte TE-DEUM läßt sich noch dieser Gruppe von Werken zuordnen.
Die auffällige Mischung der verschiedensten musikalischen Einflüsse reicht bei der Komposition des in 14 Abschnitte aufgegliederten Textes von der streng imitierenden Kompositionsweise der italienischen Renaissance über Anregungen aus der venetianisch-mehrchörigen Musizierpraxis bis hin zu den großen geistlichen Werken des 18. Jahrhunderts die ihren umfangreichen Text in einzelne Nummern nach dem Vorbild der Oper aufgliederten. Dass hierbei die von Händel geprägte Tonsprache einer großartigen Chorfuge mit einem zweiten choralartigen Thema nach dem Vorbild Bachscher Doppelfugen versehen wird und neben der blockhaften Doppelchörigkeit und extrem textorientierten Komponierweise eines Heinrich Schütz steht, mag daher nicht besonders überraschen.
Die zweite Gruppe umfasst jene reifen Werke ungefähr ab 1830, wie die großen Oratorien „Elias“ und „Paulus“, oder auch das Oratoriumsfragment „Christus“ – allesamt jedoch Werke denen die intensive Beschäftigung mit dem Werk von Johann Sebastian Bach anzumerken ist, nun aber stilsicher interpretiert und übertragen in Mendelssohns ganz eigene Tonsprache.
Zu dieser späteren Schaffensphase gehört neben der 1846 für den Berliner Domchor komponierten „deutschen Liturgie“ (Kyrie, Gloria und Sanctus), auch die 1830 mit den „drei Kirchenstücken“ Op. 23 veröffentlichte Choralmotette „aus tiefer Not schrei ich zu dir“. Martin Luthers kraftvolle deutsche Texte werden durch Mendelssohns Musik mit emotionalen Qualitäten versehen, die über die Zeit des Bachschen Vorbildes weit hinaus reicht und das persönlich empfindende romantische Selbst stark in den Vordergrund rückt.
Technisches Rüstzeug für die formale Anlage der Werke bildet das in traditionellen Formen verankerte musikalische Grundgerüst. Dieses besitzt aber keine vordergründige Funktion mehr, sondern lässt als Mittel zum Zweck die verschiedensten Spielarten der musikalischen Ausdeutung des Textes zu, deren musikalische Sprache eindeutig in der Romantik beheimatet ist . (K.K.)