Bach 2006

Samstag/Sonntag 16. 17. Dezember Haar/Vaterstetten 

JOHANN SEBASTIAN BACH

Weihnachtsoratorium BWV 248 Kantaten 1 – 3

Sopran – Beate Gartner
Alt – Lori Liebelt
Tenor –  Karl Jerolitsch
Bariton – Thomas Ruf
Orgel  – Thomas Pfeiffer


Neue Chorgemeinschaft Vaterstetten
Barockensemble „Sans – Souci“ (auf historischen Instrumenten)
Leitung: Konstantin Köppelmann


Weihnachtsoratorium 2006


Die Tradition, den biblischen Bericht der Weihnachtsgeschichte nach den Evangelisten Lukas und Matthäus aufzuführen reicht zurück bis in die Frühzeit des Protestantismus. Fast ebenso alt sind die Versuche einer differenzierten oratorischen Gestaltung dieser Texte in der Sprache Martin Luthers. Schon 1602 verfasste Rogier Michael - damalige Dresdener Hofkapellmeister und Lehrer von Heinrich Schütz – eine „Historia von der Geburt unseres Herrn Jesu Christi“, die der Erzählung des Evangelisten ariose Soli und Chöre gegenüberstellt.




Heinrich Schütz schuf sechzig Jahre später dann selbst eine weitere Vertonung des Textes, die die Prinzipien seines Lehrers schon mit der opulenten venezianischen Mehrchörigkeit und dem Kompositionsstil Andrea Gabrielis verbindet. Auch Thomas Selle - Musikdirektor in Hamburg – oder der Nürnberger Komponist Johann Philipp Krieger schufen noch im 17. Jahrhundert entsprechende Vertonungen der Weihnachtsgeschichte.

Allen diesen Kompositionen lag zunächst nur Luthers Bibeltext zugrunde, der durch einen kurzen Eingangs- und Schlusschor in motettischer Kompositionsweise ergänzt wurde. Erst der Leipziger Thomaskantor Johann Schelle bezog 1683 auch volkstümliche Weihnachtslieder, Choräle und solistische Gesänge mit in die Aufführung ein. Sein Werk wurde zu einer überaus populären Komposition, die in Leipzig für Jahrzehnte die Gestaltung der weihnachtlichen Festtage prägte und schließlich sogar eine verbindlichen Vorlage darstellte, als Johann Sebastian Bach 1734 selbst die Weihnachtsgeschichte vertonte.

Bachs Komposition besteht äußerlich aus einem Zyklus von sechs Kantaten, die zum Jahreswechsel 1734/35 an den Festtagen zwischen Weihnachten und Epiphanias nacheinander aufgeführt wurden. Eine geschlossene Aufführung des gesamten „Oratoriums“ wie in unserer Zeit hat es zu Bach Zeiten niemals gegeben! Gemäß Bachs Verpflichtung, seine Thomaner nach den Fähigkeiten der entsprechenden Sänger zwischen den drei Hauptkirchen Leipzigs aufzuteilen zu müssen, wurde vormittags im Gottesdienst der Nikolaikirche musiziert, während die Aufführungen nachmittags zur Vesper in der Thomaskirche statt fanden.

Dank der erhaltenen handschriftlichen Partitur, der Stimmen und sogar des Textbuches sind wir über das Werk besser informiert als über alle anderen großen Werke Bachs. Trotz der eindeutig datierbaren Uraufführung der sechs Kantaten 1734/35 bleibt die Entstehungsgeschichte jedoch einiger Maßen rätselhaft. Bekannt ist, dass der weitaus überwiegendere Teil der Musik des Weihnachtsoratoriums sich nicht nur in der uns bekannten Form findet, sondern vielmehr auch in einer ganzen Reihe von geistlichen und weltlichen Werken, die Bach in den Jahren ab 1731 für den sonntäglichen Gottesdienst und als Festmusiken für Geburtstage und Jubiläen des sächsischen Königshauses geschrieben hat. Bei genauerer Betrachtung der einzelnen Werke stellen sich jedoch größte Zweifel darüber ein, in welcher Fassung denn nun die heute so bekannte Musik zuerst existiert hat.

Musik des Weihnachtsoratoriums findet sich allein in sechs Sätzen der Kantate BWV 213 „Herkules auf dem Scheidewege“ – aufgeführt 1733 – sowie in den Kantaten BWV 214, 215 und weiterhin  - beim vergleich der Textbücher – in insgesamt 8 Sätzen der heute verschollenen Markuspassion, die schon 1731 zum ersten Mal aufgeführt worden war. In neuerer Zeit wurde außerdem nachgewiesen, dass die Musik der sechsten Kantate des Weihnachtsoratoriums bis auf die Evangelistenworte und einen Choral komplett aus einer heute leider verschollenen, kurz vor dem Weihnachtsoratorium entstandenen Kirchenkantate stammt.

Die drei erhaltenen weltlichen Kantaten BWV 213, 214 und 215 werden heute gerne pauschal als „Vorlage für das Weihnachtsoratorium“ bezeichnet, obwohl die Lage der Fakten weitaus komplizierter ist. Das chronologisch älteste Werk der „Vorlagen“ – die „Herkules-Kantate“ BWV 213 – erscheint relativ sicher als ein sorgsam ausgefeiltes Original, während hingegen in der Kantate BWV 214 „Tönet ihr Pauken“ der unglaublich schwerfällige weltliche Text mit der äußerst anspruchsvollen Musik kaum in Einklang zu bringen ist. Wenn man zudem noch bedenkt, dass die offensichtlich „originale“ Kantate BWV 213 allerdings ebenfalls schon auf früher entstandene Musik zurückgreift, dann wird die Sachlage noch komplizierter.

Da der sehr elegante und flüssige Text des Weihnachtsoratoriums in deutlichem Gegensatz zu den holprigen Versen der weltlichen Glückwunschkantaten steht, drängt sich der Eindruck auf, dass Bach die Musik zumindest schon im Hinblick auf eine spätere geistliche Verwendung konzipiert haben könnte, wenn denn die weltliche Fassung wirklich als die ursprüngliche zu bezeichnen ist.

Bach hat außerdem selbst die verschiedenen Fassungen der Musik miteinander vermischt, indem er noch „in letzter Minute“ den ursprünglichen Text des Weihnachtsoratoriums verändert hat – dies läßt sich anhand von Korrekturen in der Handschrift des Weihnachtsoratoriums belegen. Der weltliche Text des Eingangschores von BWV 214 lautet „Tönet ihr Pauken, erschallet Trompeten“ und diese, wörtlich zur Musik passende Formulierung fand sich ursprünglich auch im Eingangschor des Weihnachtsoratoriums. Erst nachträglich wurde daraus „Jauchzet frohlocket, auf preiset die Tage“, wohingegen jedoch der textliche Beginn der Bassarie „Großer Herr und starker König“ wesentlich besser zur Musik passt, als die weltliche Variante „Kron’ und Preis gekrönter Damen“ in der gleichen Kantate...

Gemessen am Gesamtkunstwerk des Weihnachtsoratoriums bleiben diese durchaus spannenden und vielschichtigen Fragen nach der detaillierte Entstehungsgeschichte dann allerdings doch sekundär, wenn  man bedenkt, dass das Weihnachtsoratorium zwar eines der letzten oratorischen Werke Bachs ist, welches im Zuge der romantischen „Bach-Renaissance“ 1857 wiederaufgeführt wurde – erst 25 Jahre nach der Matthäuspassion -  dafür aber inzwischen das mit Abstand am häufigsten gespielte Werk der gesamten klassischen Oratorienliteratur darstellt. (K.K.)