Händel 2005

9./15./16. Oktober 2005 - Haar/Vaterstetten/Oberpframmern


GEORG FRIEDRICH HÄNDEL
"SEMELE"



Alice Oškera-Burkhardt - Sopran  (Semele)
Susanne von Sicherer - Sopran  (Iris)
Karl Jerolitsch - Tenor  (Jupiter)
Lori Liebelt - Alt  (Juno / Ino)
Florian Mayr - Countertenor  (Athamas)
Matthias Ludwig - Bariton  (Cadmus / Somnus)


Theorbe: Helmut Weigl
Orgelpositiv: Thomas Pfeiffer

Neue Chorgemeinschaft Vaterstetten
Barockensemble  SANS-SOUCI:
auf historischen Instrumenten  a = 415’ (Valotti)

Leitung und Cembalo: Konstantin Köppelmann



„No oratorio but a bawdy opera“
                           kein Oratorium sondern eine unzüchtige Oper...

Diese handschriftliche Randbemerkung von Charles Jennenes im Werkverzeichnis der 1760 erschienenen „Memoirs of the life of the late George Frederic Handel“ von John Mainwaring zeigt uns auf einen Blick, was das „Problem“ von Händels „Semele“ ist: Jupiter - ein Ehemann, der nicht einmal den Versuch unternimmt seine offensichtliche Untreue zu verbergen,  Semele - eine ambitionierte und berechnende Geliebte, Juno – eine unnachgiebige und kompromisslose Ehefrau, deren Liebe eigentlich schon erloschen ist - eine raffiniert angezettelte Intrige, die mit dem Tod der Geliebten endet - die Verstrickung mehrerer anderer Personen in eine tragische Dreiecksgeschichte und ein erschütterndes Ende, dem mühsam eine positive Seite abgerungen wird.




Warum hat Georg Friedrich Händel diese in ihrer Dramatik für eine Bühne so überaus gut geeignete Handlung nicht als Oper sondern als Oratorium und in englischer Sprache vertont? 


Der Librettist William Congreve hatte die Dramatisierung dieser Geschichte aus den Metamorphosen des Ovid schon 1710 nach einer nicht zustande gekommenen Aufführung mit Musik von John Eccles veröffentlicht. Die Komposition ist uns erhalten geblieben. Als Händel nun das besagte Libretto für seine eigene „Semele“ einfach etwas überarbeitete und straffte war es also schon über 40 Jahre alt! Ein großer Teil der italienischen Opern-Libretti von Händel war ebenfalls - oft schon zwei Generationen vor Händel - vertont worden, und dies teilweise sogar mehrfach. Die englischen Texte der Oratorien Händels mit ihren biblischen Themen stellen hingegen fast alle zeitgenössische Neuschöpfungen dar! Anhand der genannten Tatsachen läßt sich sehr schnell erkennen, dass „Semele“ eine ganz eigene Sonderstellung im Werk Händels einnimmt – geteilt nur mit dem ein Jahr nach „Semele“ uraufgeführten „Herkules“.


Nach der drei Jahrzehnte währenden Herrschaft der italienischen Opern – maßgeblich geprägt von Händel - war das Interesse des launischen Londoner Publikums zusehends erlahmt und Händel, als ein Mann des Theaters mit Leib und Seele, musste sich 1741 nach dem eklatanten Misserfolg seiner letzten Oper „Deidamia“ gezwungener Maßen endgültig neuen Herausforderungen zuwenden. Mit der Vertonung des Librettos von William Congreve konnte der vom Theater Besessene nun in direkter Weise an seinen Bemühungen für die Bühne anknüpfen, und sich dabei sogar über die gängigen Konventionen der Oper hinaus bewegen. Das Aufbrechen der erstarrten und pathetischen Welt der Opera seria durch die Reduzierung der handelnden Charaktere auf ein menschliches Maß hatte Händel bereits 1738 mit „Serse“ und 1741 mit „Deidamia“ versucht.

Congreves Libretto ermöglichte ihm nun sogar noch einen Schritt weiter zu gehen: Eine tragische Geschichte wird nach Art einer leichten Komödie erzählt, Götter werden zurecht gestutzt auf Menschen aus Fleisch und Blut, fehlbar und unvollkommen wie jedes Wesen, und die lockere, für einen Opernstoff gänzlich unkonventionelle Aneinanderreihung der einzelnen Szenen des Librettos, ermöglichte aufregende und völlig neuartige musikalische Lösungen. Es scheint geradezu so, als habe Händel mit sicherem Blick die Vorzüge der italienischen Oper mit den Möglichkeiten des englischen Oratoriums verknüpfen wollen um auf diese Weise ein gänzlich neues und universelles musikalisches Drama zu schaffen.

Die Partitur der „Semele“ ist eine der konzentriertesten und vielseitigsten Partituren Händels, da Händel all das, was auf einer Bühne leicht sichtbar geworden wäre ganz allein mit Hilfe der Musik ausdeuten musste. Die fehlende Bühne musste durch entsprechend eindeutige Bilder in der Musik ersetzt werden; dadurch erreicht die Komposition eine völlig neuartige Komplexität, die es dem Zuhörer ermöglicht, vor seinem geistigen Auge praktisch die vollständige Szenerie der dramatischen Handlung entstehen zu lassen. Die nahtlose Verschmelzung der konventionellen Rezitative und Arien gelingt ebenso selbstverständlich, wie die Schaffung von musikalischen Formen, die sich in kein einziges bisher da gewesenes Schema einordnen lassen sondern einzig zur psychologischen Erklärung und Vertiefung der Handlung dienen. Das Fingerspitzengefühl mit dem Händel die musikalischen Formen mit den dramatischen Situationen in Einklang bringt, lässt dabei weit über seine Zeit hinaus schon an Mozart oder sogar an Verdi denken.

Auch Händels Zeitgenossen ist die Außergewöhnlichkeit der Musik zu „Semele“ durchaus bewusst gewesen und es sind sogar Äußerungen darüber erhalten geblieben, dass „Semele“ sicher mit zu den besten Werken gehöre die Händel geschrieben habe. Die für das damalige Empfinden etwas „schlüpfrige“ Handlung stieß jedoch in weiten Kreisen der Londoner Gesellschaft unter anderem auch deswegen auf Ablehnung, weil sie eine ganze Reihe von sehr offensichtlichen Seitenhieben auf die „lockeren“ Verhältnisse im englischen Königshaus enthält. Noch viel ausschlaggebender für den letztendlichen Misserfolg war allerdings die Erwartungshaltung des Publikums, der mit „Semele“ nicht entsprochen wurde: eine konventionelle Oper musste Götter und Helden als Aufhänger für stereotype Handlungen mit großer Bühnenmaschinerie benutzen, während das Oratorium mit seinen biblischen Themen zur Erbauung des Publikums dienen sollte; die Freunde der Oper langweilten sich daher wegen des fehlende Bühnenspektakels und die moralischen Parteigänger des Oratoriums fühlten sich durch den „zotigen“ Inhalt von „Semele“ brüskiert. Der Prinz von Wales – erklärter Freund von Händels Musik -  erschien wegen des „profanen“ Stoffes schließlich zu keiner einzigen Vorstellung.

Wären „Semele“ und „Herkules“ - wegweisende Beiträge zum musikalischen Drama -  vom Publikum angenommen worden, so hätte Händel in der Nachfolge Henry Purcells die Erschaffung einer nationalen Oper in englischer Sprache vielleicht nachhaltig vorangetrieben.  (K.K.)